Südamerika Bolivien

Auf dem Weg ins Alti Plano

26.06.2019 – 29.06.2019

Auf dem Weg ins Altiplano

Im Pflichtprogramm eines jeden Südamerikareisenden, der an La Paz vorbei kommt, steht, na klar, die Yungas Road. Besser bekannt als: DIE TODESSTRASSE. Im Prinzip bin ich ja auch ein Freund vom Grundsatz: „Wenn ich schon mal in der Nähe bin, dann schau ich mir das auch an“. Bei der Yungas Road sieht das mittlerweile aber etwas anders aus. In früheren Zeiten war sie tatsächlich eine der gefährlichsten Straßen weltweit und konnte mit traurigen Rekorden aufwarten, wie z.B. gleich busseweise Menschenleben einzufordern. Dabei lag die Gefahr am ehesten darin, dass man auf der engen und besonders in der Regenzeit rutschigen Schlammpiste beim Ausweichen bei Gegenverkehr in die Tiefe zu stürzen drohte. Seitdem aber eine neue Umgehungsstraße fertiggestellt ist, ist die Straße mehr oder weniger verwaist und der morbide Ruf wird überwiegend von Mountainbike Touranbietern genutzt, die ihre Klienten auf mehr oder weniger geeigneten Drahteseln zu Tale schicken. Tragischerweise stellt nun diese Klientel die meisten Todesopfer der Yungas Road (kein Scherz). Für Autofahrer ist sie nun lediglich eine landschaftlich reizvolle Strecke. Wir haben auf unserer Reise bereits die ein oder andere „gefährliche“ und/oder landschaftlich schöne Piste befahren und da die Todesstraße entgegengesetzt unserer nächsten Ziele liegt, lassen wir sie kurzerhand einfach aus. Vielleicht ein anders Mal. Dass man während einer einjährigen Südamerikareise nicht alles sehen kann, ist uns nicht erst seit gestern klar. Wir machen uns also auf den Weg Richtung Altiplano, jener Hochebene, auf der weitere „must do“ Ziele Boliviens liegen, wie der Salar de Uyuni und die sagenhafte Lagunenroute. Zuvor biegen wir aber noch in Richtung Sucre ab und kommen unterwegs an einem ganz besonderen Ort vorbei……

Ein Ort Namens….., Bolivien 2019

Nachdem die erste Hälfte der Strecke überwiegend über schnurgerade und recht gut ausgebaute Straßen führt, ist der zweite Teil wieder etwas unterhaltsamer. Die Straßen werden wieder kurviger und führen durch eine recht hübsche, felsige Landschaft.

Mittagsstopp auf dem Weg von La Paz nach Sucre, Bolivien 2019
Auf dem Weg von La Paz nach Sucre, Bolivien 2019

Sucre, die konstitutionelle Hauptstadt überrascht. Im Gegensatz zum hektischen La Paz geht es hier beinahe verschlafen zu. Die Stadt ist im Vergleich geradezu klein und hat sich in ihrem Kern noch den kolonialen Charakter recht gut erhalten. Weiß getünchte Gebäude, die obligatorischen Kirchen und schmale, rechtwinklig angeordnete Gassen. Durchaus hübsch, aber nicht spektakulär. Zur Erkundung reicht uns ein Tag und schon setzen wir unseren Weg in Richtung Potosí fort.

Sucre, Bolivien 2019
Sucre, Bolivien 2019
Sucre, Bolivien 2019

Da Sucre ein wenig tiefer gelegen ist, geht es auch schon wieder bergauf. Über unser nächstes Ziel kann man durchaus geteilter Meinung sein und auch wir sind uns bei Eintreffen in Potosí noch nicht so ganz sicher, ob es politisch korrekt ist, die dortigen Silberminen im Cerro Rico zu besuchen. Eine Laune der Natur hat der Stadt nämlich einen Berg aus Silber vor die Tür gesetzt und das ist beinahe wörtlich zu verstehen. O.k., vermutlich war es genau anders herum und der Berg war zuerst da. Aber der „Reichtum“ des Cerro Rico ist legendär und die Sagen reichen von:

  • Der Berg birgt so viel Silber, dass man damit eine Brücke von Südamerika bis nach Spanien bauen kann und hat Potosí zur einstmals reichsten Stadt der Welt gemacht.

über:

  • Die Spanier haben soviel Silber nach Europa geschafft, dass es dort zum Wertverfall und sogar zur Inflation geführt hat.

bis hin zu:

  • Der Cerro Rico habe mit 8 Millionen Menschenleben eine unvorstellbare Anzahl an Todesopfern gefordert.

 

An letzterem Punkt scheint ein Fünkchen Wahrheit zu sein, denn die Spanier haben im 16. und 17. Jahrhundert nicht nur die Indigenen zur Zwangsarbeit in Ketten gelegt, sondern auch Sklaven aus fernen Ländern herbeigeschafft und in die Minen getrieben. Die erbärmlichen Arbeitsbedingungen und der Staub haben dann ihre Opfer eingefordert. Das Silber wurde an Ort und Stelle verarbeitet und sogar direkt in Potosí zu Münzen geprägt und anschließend per Schiff gen Europa transportiert, wo der „Real“ durchaus ein gängiges Zahlungsmittel war.

Die Zwangsarbeit ist heute zwar abgeschafft, aber die Arbeitsbedingungen in den Minen sind nach wie vor so gesundheitsschädlich, dass die Minenarbeiter im Schnitt kaum älter als 40 Jahre alt werden. Daher ist es nicht ganz unumstritten, die Minen zu besichtigen.

Wir machen uns vor Ort bei einem Tour-Unternehmen schlau, dass von ehemaligen Minenarbeitern betrieben wird. Efraim bestätigt uns ohne irgendwelche beschönigenden Worte die Arbeitsbedingungen im Berg und erklärt uns den Ablauf der Besichtigung. Er erörtert aber auch, dass die Bergarbeiter heute in Kooperativen organisiert und die Männer sich der Gefahren bewusst sind. Sie gehen die gesundheitlichen Risiken also aus „freien Stücken“ ein, da ein guter Stollen immer noch ein recht einträgliches Geschäft darstellt, für das die Kumpel anscheinend bereit sind, eine reduzierte Lebenserwartung in Kauf zu nehmen. Wir grübeln erst einmal über diese Infos nach und schauen uns zunächst die Stadt an.

Potosí, Bolivien 2019
Potosí, Bolivien 2019

Gerade kommen wir aus einem Café, als aus der Tür nebenan wieder einmal bekannte Gesichter auftauchen. Zwar war es durchaus beabsichtigt, hier erneut auf Martin und Liliana zu treffen, aber dass die gleich zufällig aus dem Nachbarhaus purzeln…. Manchmal soll es halt sein. Auch die Beiden haben sich bereits bzgl. Minentour schlau gemacht und schließen sich uns für den nächsten Tag an.

Der Cerro Rico thront über Potosí, Bolivien 2019

Früh morgens geht es los und unser Guide Wilson führt uns über den Markt, auf dem sich die Minenarbeiter erst für den Tag stärken und dann ihre Besorgungen machen. Hier kann man neben den obligatorischen Kokablättern, die in der dicken Backe gekaut werden, auch ganz legal Dynamit und Lunte kaufen. Bei einer Besichtigung der Minen ist es Brauch, den Minenarbeitern kleine Geschenke mitzubringen. Wilson bittet uns aber, weder den gängigen Zuckerrohrschnaps mit 96%, noch Zigaretten zu kaufen. Wir beschränken uns daher auf Kokablätter, Limonade und Sprengstoff, genauer gesagt Dynamit.

Wilson demonstriert, wie man Dynamit zündfähig macht, Potosí, Bolivien 2019
Alles, um sich selbst und alle im Umkreis von 50 Metern in die Luft zu sprengen, Potosí, Bolivien 2019

Nach einer kurzen Runde über den Markt geht es dann zunächst zu einer der Fabriken, in denen die abgebauten Mineralien verarbeitet werden. Hier gibt es schweres Gerät zu bewundern. Das Gestein wird gemahlen, gesiebt, geschleudert, gewaschen und sonst was damit angestellt, um an die begehrten Metalle zu gelangen. Arbeitssicherheit scheint nicht besonders im Fokus zu stehen. Die großen Maschinen sind frei zugänglich und nichts ist abgedeckt. Wer hier seine Finger rein steckt, hat dann keine mehr. Silber ist schon lange nicht mehr das Einzige, nach dem die Bergarbeiter graben. Zink, Blei und sonstiges Zeugs wird gewonnen. In dieser Anlage aber ohne das immer noch weit verbreitet Quecksilber, zumindest laut Wilson. Am Ende wird auf dem Hof der Fabrik der übrig gebliebene, zermahlene Schlamm zum Trocknen ausgebreitet.

 

In dem Gestein sollen Edelmetalle drin Stecken? Potosí, Bolivien 2019
Finger weg, sonst Finger ab, Potosí, Bolivien 2019
Hier wird das zermalene Gestein ausgewaschen, Potosí, Bolivien 2019
Die Pampe wird dann zum Trocknen einfach auf dem Hof ausgebreitet, Potosí, Bolivien 2019
Das Objekt der Begierde in Pulverform, Potosí, Bolivien 2019

Nach der Besichtigung der Fabrik bekommen wir unsere Schutzkleidung, Helme und Lampen für die Minenbesichtigung und schon geht es per Taxibus hinauf zu den Stollen des Cerro Rico. Viel mehr als ein kleines Loch im Berg ist zunächst nicht zu sehen.

Bekloppt aussehen können wir schon mal gut, Potosí, Bolivien 2019 (sorry, verwackeltes Handyfoto)
Der reiche Berg, Potosí, Bolivien 2019
Eingang zur Mine Potosí, Bolivien 2019

Dahinter lauern aber die vielen 100 Meter verwirrende Gänge im Berg. Klaustrophobiker haben hier definitiv nichts zu suchen. Meistens kann man zwar halbwegs aufrecht gehen, zumindest wenn man nicht über 1,80 Meter groß ist, die Gänge sind aber trotzdem eng. Einzige Lichtquelle ist dabei die eigene Funzel auf dem Helm und deren Licht wird von der staubigen Luft recht schnell verschluckt. Wilson marschiert voran und zeigt uns den Weg, tief in die Eingeweide des Berges. Belüftung der Schächte? Fehlanzeige. Ein Plan wie die Kumpel zu graben haben? Gibt es nicht. Hier folgt jeder seiner Ader aus Metall im nackten Felsen. Meistens bekommen es die Bergleute aber doch hin, die Stollen so anzulegen, dass sie sich nicht gegenseitig kreuzen und somit zum Einsturz bringen. Ab und an kommt man aber doch an einer eingestürzten Stelle vorbei, die ohne Lichtquelle ganz schnell zur fiesen Falle wird.

Durch die dunklen Gänge, Potosí, Bolivien 2019
Noch sind die Gänge recht breit, Potosí, Bolivien 2019

Es geht über Leitern und durch Engstellen immer weiter in die Minen. An einer tiefen Grube mitten auf dem Weg halten wir an und spähen in ein dämmrig beleuchtetes Loch. Von tief unten dringt der schwache Schein von zwei Helmlampen durch den dichten Staub und zunächst ist nicht viel zu erkennen. Erst beim zweiten Hinschauen sind die beiden Bergarbeiter dort unten zu erkennen. Mit dem schweren pneumatischen Bohrhammer treiben sie unter höllischem Lärm Löcher ins Gestein und stehen dabei in einer dichten Staubwolke. Später werden sie Dynamit und anderes explosives Zeugs in die Löcher stopfen und dem Berg somit weiteres, hoffentlich erzhaltiges Gestein abtrotzen. Eine unvorstellbare Maloche.

Irgendwo da unten arbeiten Männer, Potosí, Bolivien 2019
Erst auf den zweiten Blick zu erkennen, Potosí, Bolivien 2019

Wir klettern weiter in den Berg. Die Stollen werden schmaler, die Decken niedriger und die Gänge unwegsamer. Gefühlt sind wir irgendwo mitten im Berg als das Tunnelgewirr in einer kleinen Kammer endet. Vor uns kniet ein älterer Mann gebückt in der Höhle und hämmert einzig erleuchtet von seiner eigenen Helmlampe einsam mit Hammer und Meißel auf einem großen Stück Gestein herum, um es auseinander zu treiben. Wilson stellt uns Don Sebastian vor. Mit 54 Jahren der älteste Minero hier in der Kooperative. Don Sebastian scheint nicht gerade vom Glück verfolgt und kann sich den Einsatz des teuren pneumatischen Bohrhammers nicht leisten. Deshalb gräbt er mehr oder weniger mit bloßen Händen allein in der Dunkelheit nach dem Glück. Der Schweiß läuft ihm in Strömen vom Gesicht. Die Backe ist dick und rund von Kokablättern, die ihm die nötige Energie und Gelassenheit für diese Tortur verleihen sollen. Ein Anblick und Moment, der einen demütig macht. Habe ich mich je über meinen Job beklagt? Bestimmt. Werde ich mich auch in Zukunft über die Arbeit aufregen? Mehr als wahrscheinlich, das kommt halt hin und wieder vor. Aber von nun an wird wohl das ein oder andere Mal das Gesicht von Don Sebastian vor meinem geistigen Auge dabei auftauchen. Schade, dass es manchmal solche Momente braucht, um die eigene Lebenssituation zu schätzen……

Mitten im Berg in einem dunklen Loch hockt Don Sebastian, Potosí, Bolivien 2019
Es geht weiter durch die Dunkelheit, Potosí, Bolivien 2019

Wir lassen dem alten Haudegen ein paar Geschenke zurück und schleichen nachdenklich weiter durch die Gänge. Ein paar dumpfe Schläge, gefolgt vom spürbaren Erzittern des Gesteins reißen uns aus unserer Gedankenwelt. Die Kumpels vom Bohrhammer in dem tiefen Loch haben mit dem Sprengen angefangen. Keine Warnsirene, keine Evakuierung der Stollen. Nicht einmal die Touri-Gringos werden vorher nach draußen gebracht. Und dabei liegt die Sprengung zwischen uns und dem Ausgang. Zumindest soweit wir das beurteilen können. Gruselig wäre untertrieben und der Ein oder Andere in der Gruppe wird leicht nervös. Und auch das Wissen, dass der Berg einst ein gutes Stück höher war, durch die vielen unkontrolliert angelegten Tunnel und Gänge löchrig wie ein schweizer Käse und porös ist und dadurch in sich zusammensackt und schrumpft, trägt auch nicht zum Wohlbefinden bei. Das hat mit unseren Alltagssituationen recht wenig zu tun. Der Staub in den Gängen wird immer dichter und als wir schließlich beim Mann mit dem schweren Bohrhammer ankommen, haben die Lampen Mühe, überhaupt noch durch den blendenden Staub zu dringen.

Mit schwerem Gerät wird dem Berg zu Leibe gerückt, Potosí, Bolivien 2019

Wilson führt uns schließlich wieder sicher in Richtung Ausgang. Nicht jedoch ohne noch abschließend einen Höflichkeitsbesuch beim „Onkel“ zu machen. Der „Tio“ ist eine Art Berggott für die Minenarbeiter, dem der Cerro Rico gehört. Hier unten ist er der Boss und wer sich eine gute Ausbeute seines Stollens wünscht, sollte mit Opfergaben an den Tio nicht knauserig sein. Die Kumpel bringen ihm Kokablätter, Zigaretten und den erwähnten 96%-igen Schnaps dar. Letzteren hat Wilson eigens mitgebracht, um uns die Rituale vorzuführen, die die Bergarbeiter an der Götzenfigur in Teufelsgestalt zelebrieren. Mit Darbringung der Opfergaben werden die Wünsche an den guten Onkel laut ausgesprochen. Die Kokablätter werden drapiert, die Zigaretten angezündet und der Zuckerrohrschnaps wird entfacht und nicht selten getrunken. Auch wir dürfen mal daran nippen und sind erstaunt, dass das Zeugs bei der Prozentzahl tatsächlich trinkbar ist. Und da eine ungerade Anzahl Unglück bringt, gibt’s gleich noch ne Runde….

Wilson erzählt Geschichten aus dem Bergarbeiter Alltag, Potosí, Bolivien 2019
Heidnische Bräuche vor Teufelsgötze tief im dunklen Berg, Potosí, Bolivien 2019 (Foto: Martin Flatz)
Tio, der gute Onkel. Herr über den Berg und das Silber, Potosí, Bolivien 2019

Wilson erzählt ein paar Geschichten aus dem Leben der Bergarbeiter und demonstriert uns dabei auch gleich den hier üblichen, derben Sprachgebrauch. Eigentlich dürfen im Berg nur Volljährige arbeiten, fährt Wilson fort. Eigentlich, denn er selber hat bereits im Alter von nur 8 Jahren das erste Mal den Berg zur Arbeit betreten. Und mit gerade einmal 9 Jahren hat er seine erste Sprengung mit Dynamit durchgeführt. Kurz denke ich an meine eigene Kindheit zurück und empfinde spontan Dankbarkeit, ich könnte mir keine bessere wünschen…

Schließlich krabbeln wir nach insgesamt über 5 Stunden wieder wohlbehalten ans Tageslicht zurück und sind um eine wertvolle Erfahrung reicher. Aber ob das Ganze nun tatsächlich politisch korrekt war und ist, dessen wir sind wir uns noch immer nicht sicher…..

Wir wünschen dem Nachwuchs eine gesündere Zukunft, Potosí, Bolivien 2019
Die Zwei hier sind jedenfalls froh, dass sie alle Chancen im Leben hatten, um ihre Brötchen anders zu verdienen, Potosí, Bolivien 2019 (Foto: Martin Flatz)

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