Südamerika Argentinien Chile

Ushuaia, fin del mundo auf Feuerland

18.11.2018 – 25.11.2018

 

Ushuaia, fin del mundo auf Feuerland 

Oder auch: „das südlichste Dingsbums der Welt.“

 

 

Unser Tor nach Feuerland ist Punta Arenas. Wir lernen die Stadt natürlich wieder bei Orkan Windstärken von bis 130 km/h kennen. Die riesige Chile Flagge am zentral gelegenen Stadtpark muss zeigen was sie aushält und knallt wie eine Peitsche, deren Klang durch die Straßen hallt. Einen windgeschützten Platz zu finden ist nicht ganz einfach, aber wir werden bei Eduardo fündig, der ein Hostel leitet, das auch ein paar Fahrzeuge im Innenhof beherbergen kann. Wir haben ein paar Besorgungen in Punta Arenas zu machen und bleiben zwei Nächte. Da die Fähre vom Festland herüber nach Porvenir auf Feuerland nicht jeden Tag fährt, reservieren wir uns unseren Platz vorsorglich schon mal vorab. Für umgerechnet etwa €60 werden wir vom Festland auf die Insel übergesetzt. Die Fähre ist picke packe voll und wir rollen als vorletztes Auto auf den Kahn. Nach uns kommt nur noch ein Traktor und dann wird die Laderampe auch schon hochgeklappt. Die Überfahrt dauert gute zwei Stunden und dankenswerterweise hat der Wind heute etwas nachgelassen, so dass die Magellanstraße nur oberflächlich aufgewühlt ist, nennenswerten Seegang gibt es keinen. Das kommt mir sehr entgegen, da ich schon seekrank werde, wenn in der Badewanne die Quietscheente schwankt…..

Die Fähre von Punta Arenas nach Porvenir auf Feuerland, Chile 2018

Um 11:15 Uhr rollen unsere Räder das erste Mal auf Feuerland’s Schotterpisten. Die Insel empfängt uns wenig feurig, eher nass-kalt. Aber das ist um diese Jahreszeit nicht anders zu erwarten. Und wer jetzt denkt, wir seien die einzigen Deppen, die so früh im Jahr hier rumgurken, der sieht sich getäuscht. Seit dem Perito Moreno Gletscher hat die Zahl der Touris um einiges zugenommen. Und dabei tun uns besonders die Motorradfahrer und Radler leid, die diesen Witterungsbedingungen ungefiltert ausgesetzt sind und uns oft in Permanent-Schräglage entgegenkommen.

Unser erstes Ziel auf Tierra del fuego wäre eigentlich der Parque Pingüino Rey. Der einzige Ort auf diesem Planeten, an dem man freilebende Königspinguine bestaunen kann, ohne eine sündhaft teure Kreuzfahrt zu buchen.

 

Unterwegs zu den Königspinguinen auf Feuerland, Chile 2018

Vor einigen Jahren haben sie sich aus irgendeinem Grund auf dem Gelände eines Estanciabesitzers niedergelassen und ihn somit reich beschenkt. Oder vielmehr beschenkt er sich wohl selber reich, in dem er einen stattlichen Eintrittspreis von 20 US$ pro Nase verlangt, damit man aus einem Bretterverschlag eine Blick auf die Pinguine werfen kann. Das ist mehr als die Hälfte des Eintrittspreises im Torres del Paine und dort gilt ein Ticket drei volle Tage, immerhin für ein UNESCO Weltnaturerbe. Aber die Touris scheinen den Preis zu bezahlen und der Estanciero kommt vermutlich vor Lachen nicht mehr in den Schlaf. Wir hadern noch etwas mit unserem Schicksal, weil uns die Verhältnismäßigkeit hier einfach fehlt. Und da heute Bilderbuch-Schietwetter ist, verschieben wir den Besuch, wenn überhaupt, auf den Rückweg. Wir kommen hier nämlich in ein paar Tagen auf dem Weg nach Norden wieder vorbei. Zunächst rollen wir weiter auf gut gepflegten Schotterpisten weiter zum Lago Blanco, an dem wir heute Nacht campen. Dabei passieren wir Örtchen mit klangvollen Namen wie z.B. Pampa Guanaco. In solchen Gegenden bin ich immer versucht Fenster und Türen fest zu verschließen, um uns vor Genklau zu schützen…..

Am Lago selbst werden wir erst mal von einer kleinen Herde wild lebender Pferde begrüßt, die reiß aus nimmt, bevor wir den Auslöser der Kamera betätigen können. Schade eigentlich. Bei grauem Himmel und tropfenden Wolken stellen wir das Taxi erst mal an einer windgeschützten Stelle im Wald ab. Kurze Zeit später tauchen die Pferde wieder auf und grasen in einiger Entfernung. Also Kamera erneut raus und vorsichtig auf Pirsch begeben. Wir haben ja die letzten Jahre auf einem Pferdehof gewohnt und sind die Nähe dieser Tiere gewöhnt, aber an diese hier kommt man erst gar nicht nah ran, denn sie haben eine deutliche Fluchtdistanz. Die kleine Herde entfernt sich langsam von mir und ich frage mich grade welcher wohl der Leithengst ist, da beantwortet er die Frage schon selbst. Ein großer, dunkelgrauer Prachtkerl mit schwarzer Mähne, aus der der Regen tropft, löst sich von der Gruppe und kommt auf mich zu. Immer wieder geht er mit gesenktem Haupt ein paar flotte Schritte in meine Richtung und baut sich dann hoch auf, um mich neugierig mit seinen tiefschwarzen Augen zu beobachten. Er legt die Ohren zwar nicht an, aber so ganz sicher bin ich mir auch nicht, ob der Hengst nur Pfötchen geben oder mir gleich den Schädel spalten will, und so langsam aber sicher kommt er in meine Fluchtdistanz. Ich trete also den geordneten Rückzug an und überlasse ihm sein Revier. Vor der Reise war uns gar nicht bekannt, dass es in Südamerika wilde Pferde gibt. Wir hatten schon in Namibia das Glück welche in der Nähe des Örtchens Aus zu sehen. Hier, ganz im Süden des amerikanischen Doppelkontinentes, leben sie z.B. im Torres del Paine, im argentinischen Patagonien und auf Feuerland. Ganz offensichtlich auch am Lago Blanco. Eine eindrückliche Begegnung….

 

Wilde Pferde am Lago Blanco auf Feuerland, Chile 2018
Der Chef der Bande, wilde Pferde am Lago Blanco auf Feuerland, Chile 2018

Die Nacht wird nass-kalt, aber trotzdem entscheiden wir uns am nächsten Morgen noch für einen weiteren Tag zu bleiben. Die Gegend ist wirklich zu schön, um gleich wieder weiter zu fahren. Die Hügel sind mit alten, knorrigen und windschiefen Lenga Bäumen bestanden, die mit Moos und Flechten überwachsen sind. Am gegenüberliegenden Ufer des großen Sees erheben sich die letzten schneebedeckten Ausläufer der Andenkette und auf einigen ist Neuschnee zu erkennen. Also ziehen wir uns gegen die Kälte an und wandern los. Wir werden mit einer aufreißenden Wolkendecke und freundlichem Wetter belohnt, auch wenn die Temperaturen nicht über 8°C steigen. Aber das ist für diese Breiten vollkommen in Ordnung. Etwas überraschend finde ich, dass es trotz der kühlen Gegend hier auch die lauthals kreischenden grau-grünen Papageien gibt, die wir auch bereits am Perito Moreno gesehen haben. Wir stöbern ein Guanako im Wald auf und bei einer Teepause kreist ein Kondor über unseren Köpfen. 

 

Wilma Feuerstein, am Lago Blanco auf Feuerland, Chile 2018
Fred Feuerstein, am Lago Blanco auf Feuerland, Chile 2018

 

Papageien auf Feuerland, Chile 2018

Am Abreisetag vom Lago Blanco finden wir wieder grauen Himmel und Regen vor. Das stört heute aber keineswegs, denn vor uns liegt eh ein langer Fahrtag mit etwa 300km bis zum Ende der Welt. Wir fahren über den Paso Bellavista und die Grenzüberquerung vom chilenischen Teil Feuerlands in den argentinischen ist schnell und unkompliziert erledigt. Bei dem Wetter kommt niemand vor die Tür, um das Auto zu untersuchen. Kurz hinter Rio Grande stoßen wir wieder auf Asphalt und müssen nach einigen Kilometern nur noch den Garribaldi Pass überwinden und dann liegt es da: Ushuaia, das Ende der Welt. Oder auch: das südlichste Dingsbums der Welt. Denn alles wird hier als das südlichste seiner Art auf diesem Planeten vermarktet. Die südlichste Skipiste der Welt (ja, die gibt es hier), der südlichste Golfplatz der Welt, die südlichste Dampfeisenbahn der Welt. Schließlich wollen die Passagiere der Luxusliner, die den südlichsten Kreuzfahrthafen der Welt anlaufen auch unterhalten werden…

 

Schmalspur-Dampfeisenbahn, Feuerland, Argentinien 2018
Ushuaia, Argentinien 2018

Die ganz große romantische Verklärtheit bleibt bei uns aus, was bestimmt anders wäre, wenn wir unsere Reise in Alaska begonnen und somit den ganzen Doppelkontinent der Länge nach gemeistert hätten. Wir haben in Ushuaia zunächst einige organisatorische Dinge zu erledigen. Wir machen den südlichsten Ölwechsel der Welt und tanken das südlichste Campinggas der Welt. Beides ist im Nu erledigt. Außerdem besuchen wir das südlichste Hard Rock Café der Welt. Der ehemalige argentinische Vorposten hat sich also mittlerweile zur Kleinstadt gemausert und bietet eine sehr gute Infrastruktur. Im Hafen liegen mehrere Antarktis-Kreuzfahrtschiffe. Die Vermarktung als südlichste Stadt der Welt scheint ordentlich Geld in die Kassen der Stadt zu spülen. Weiter südlich liegt nur noch das chilenische Puerto Willams auf der anderen Seite des Beagle Kanals auf der Insla Navarino, aber dabei kann man wohl kaum von einer Stadt sprechen. Nachdem wir die erste Nacht mit Blick auf die Stadt verbracht und das obligatorische Schild im Hafen mit der Bestätigung, dass man sich am Ende der Welt befindet, fotografiert haben, holen wir aus zur finalen Etappe. Wir fahren in den Nationalpark und somit zum Ende der Straße, der Ruta 3, die von Buenos Aires genau hierher führt. Zur Bucht Lapataia, die wir bei freundlichem Himmel am 23.11.2018 zur Mittagszeit erreichen.

 

Das Ende der Ruta 3, Lapataia Bucht Feuerland, Argentinien 2018

Das Ende der Welt sieht irgendwie anders aus, als ich es erwartet hatte. Ich hatte mir früher immer vorgestellt, dass es aufgrund seiner Nähe zur Antarktis eher karg und felsig sein müsste. Aber beides ist falsch. Weder ist es nah an der Antarktis, noch ist es hier felsig und karg. Eigentlich ist es hier recht malerisch. Hoch aufragende, schneebedeckte Berge, sprudelnde Flüsse, dichter grüner Wald. Und die Antarktis ist noch weit entfernt. Ushuaia liegt auf dem 54-sten südlichen Breitengrad. Diese Breite würde auf der Nordhalbkugel in Etwa Flensburg entsprechen. Das liegt zwar auch mehr oder weniger am Ende, ist aber genauso nah an der Arktis wie eben Ushuaia an der Antarktis. Es ist also wirklich ganz nett hier und der Park bietet einige kleine Wanderwege an, die wir dankbar nutzen. Trotz des wechselhaften Wetters erwischen wir immer mal wieder ein kleines Zeitfenster, in dem wir ein bisschen durch den Park streifen können. So kommen wir am südlichsten Postamt der Welt vorbei, von dem man unbedingt eine Karte an die Liebsten daheim schicken muss. 

 

Lapataia Bucht Feuerland, Argentinien 2018

Und ganz nebenbei kommt unser Bergeequipment zu seinem zweiten, ehrenhaften Einsatz. Ein Ranger ist mit seinem Dienstfahrzeug im Straßengraben gelandet. Ob ihn nun ein Zorro (Fuchs), oder ein Torro (Stier) abgelenkt hat kann ich leider nicht ganz verstehen. Sein Kollege ist zwar schon zur Hilfe geeilt, hat aber lediglich ein Kletterseil im Arsenal. Das würde wohl kaum zwischen den jeweils 2,5 Tonnen der Rangerfahrzeuge überleben. Also schreiten wir nach der Valdeshalbinsel erneut zur rettenden Tat und sammeln mal wieder Karmapunkte. 

 

Ranger retten am Ende der Welt, Feuerland, Argentinien 2018

Nach zwei Nächten im Park rollen wir zurück nach Ushuaia und steuern als nächstes den tatsächlich südlichsten Punkt an, den man auf Feuerland mit dem Auto erreichen kann. Über eine Schotterpiste geht es vorbei an der Estancia Haberton zur Mündung des Rio Moat. Kurz hinter einer klappernden Brücke ist dann aber tatsächlich Schluss. Hier geht es nun wirklich nicht mehr weiter. Wir schreiben den 25.11.2018, 18:25 Uhr als wir vor der kleinen Marinebasis stehen, die das (für uns) tatsächliche Ende der Welt darstellt.

 

Endstation Rio Moat, der südlichste Punkt unserer Reise, Feuerland, Argentinien 2018

 -54.97557; -66.74433 lauten die Koordinaten des Wendepunktes unserer Reiseroute. Zwischen uns und der Antarktis liegen nur noch ein paar vorgelagerte, chilenische Inseln, die den direkten Blick auf das sagenumwobene, sturmumtoste und bei Seglern gefürchtet Kap Horn versperren und hunderte Kilometer eiskalter Ozean. Und weil wir schon mal da sind, campen wir auch gleich eine Nacht auf einer Lichtung im Wald am Rio Moat. Ausgerechnet hier erleben wir eine der lausten und windruhigsten (windstill gibt’s hier nicht) Nächte seit Langem. Abends erkunden wir noch einen alten Biber Damm und können einige der Nager im Wasser beobachten. Biber wurden vom weißen Mann hier am Beagel Kanal ausgewildert. 1946 kamen einige Zeitgenossen auf die brillante Idee 25 Paare hier auszusetzen, damit sie sich vermehren und man später die Felle der Tiere verarbeiten könnte. Ohne Wettbewerb und natürliche Feinde haben sich die Tiere derart stark verbreitet, dass sie schon kurze Zeit später zur Plage und ernsthaften Bedrohung für die Natur wurden. Bis heute ist man ihrer nicht Herr geworden und die Schäden, die sie verursachen sind vielerorts eindrücklich zu bewundern.

 

Biberbande, Feuerland, Argentinien 2018

Es ist natürlich obligatorisch, dass man zumindest die Füße in den Beagle Kanal steckt. Chapeau vor den Leuten, die hier ganz reinspringen. Das Wasser ist A….kalt und der gute alte Herr Kneipp hätte seine Freude daran. 

 

Kneipp Kur am Beagle Kanal, Feuerland, Argentinien 2018
Das Beagle Kanal Wasser beisst und macht Pippi Langstrumpf Füße, Feuerland, Argentinien 2018

Wir werden am nächsten Morgen von einem Fuchs geweckt, der in der Lagerfeuerstelle ein paar zurückgelassene Thunfischdosen gefunden hat und damit nun herumklappert. Vielen Dank an die Idioten, die es einfach nicht schaffen, ihren Zivilisationsmüll wieder mit nach Hause zu nehmen, leider gibt es reichlich davon.

 

Weckdienst, Feuerland, Argentinien 2018

Wir beobachten den kleinen Kerl eine Weile und starten dann schließlich das Buschtaxi für die nächste Etappe. Grobe Richtung: Kolumbien. So ungefähr 10.000 km, aber nur auf direktem Weg und wer will den schon nehmen…..?

 

Botschaft vom Ende der Welt, Feuerland, Argentinien 2018
  1. Hallo Jens,

    tolle Reise, was ich so sehen kann. Ich wünsche euch noch viel Spass.

    Wie bist du denn mit der Sony Kamera und den Linsen zufrieden? War es die richtige Wahl?

    Viele Grüße von deinem Arbeitskollegen
    Rainer

    • Hallo Rainer,
      Freut mich, dass du mitfährst.
      Die Kamera macht einen sehr guten Eindruck und war bestimmt die richtige Wahl. Die bringe ich mit meinem Geknippse nicht in Verlegenheit. Man schleppt halt ne Menge Linsen mit….
      Gruß
      Jens

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