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Im Zick Zack durch die Anden

13.01.2019 – 19.01.2019

Im Zick-Zack durch die Anden

Mendoza hat durchaus Charme, hier lässt es sich gut leben. Trotzdem halten wir es nie besonders lang in Städten aus. Wir besuchen noch den Cerro de la Gloria mit seinem prächtigen Monument zu Ehren des Krieges zur Befreiung Chiles von den Spaniern unter der Führung von General San Martin, der die Armeen der Anden anführte, und kehren der Stadt dann den Rücken, um uns auf den Weg über den Paso Cristo Redentor zu machen.

Cerro de la Gloria, Mendoza, Argentinien 2019
Mache können’s nicht lassen, Mendoza, Argentinien 2019

Entlang der Straße sehen wir dann die bislang größte Opferstelle für die Difunta Correa.

Die Difunta ist eine von mehreren Volks-Heiligen, die hier in Südamerika verehrt werden. Es handelt sich bei ihr um eine junge Frau, die auf der Suche nach ihrem Mann in der Wüste verdurstet ist. Dabei trug sie ihren Säugling bei sich. Als die junge Frau tot aufgefunden wurde, fand man ihr Kind säugend an ihrer Brust. Die Difunta wird in Argentinien und Chile neben vielen anderen Volkshelden und –heiligen flächendeckend verehrt und als Zeichen ihrer Zuneigung lassen die Menschen oftmals eine Flasche Wasser an den Gedenkstätten entlang der Straßen zurück.

Keine Müllhalde, sondern eine Gedenkstätte der Difunta Correa, zum Paso Cristo Redentor, Argentinien 2019

Wir klettern stetig bergauf. In Uspallata gibt es an einer Eisdiele als Wegzehrung einen Eisbecher und Churros. Der Zucker im Eis wird noch durch Oreo Kekse bzw. Schokostückchen ergänzt und mit Zuckersirup übergossen. Die in Fett gebackenen Churros sind natürlich ebenfalls mit Zuckersirup gefüllt und auch mit Zucker bestreut. Ob es nun die Höhe oder der Zuckerschock ist, bleibt ungeklärt: Leicht schwindelig setzen wir unsere Fahrt hinauf zum Pass fort. Wir fahren heute aber nicht mehr weit und legen an einer alten Brücke, auf etwa 2000 Meter Höhe, eine Rast für die Nacht ein.

Am nächsten Morgen kommen wir an der Puente del Inca vorbei. Eine Natursteinbrücke über den Rio de las Cuevas, an der eine schwefelhaltige Quelle zu Tage tritt, die den ganzen Felsbogen mit einer dicken Schicht überzieht. Sieht irgendwie bizarr aus.

Puente del Inca, zum Paso Cristo Redentor, Argentinien 2019

Kurze Zeit später könnte es für uns zu einem historischen Moment kommen, denn wir stehen beinahe zu Füßen des Aconcagua, seines Zeichens mehrfacher Rekordhalter. Nimmt man den Meeresspiegel als Referenz ist er:

  • Der höchste Berg Argentiniens.
  • Der höchste Berg der Anden
  • Der höchste Berg des ganzen amerikanischen Doppelkontinents und somit der westlichen Hemisphäre
  • Natürlich ist er auch der höchste Berg der gesamten Südhalbkugel
  • Und er ist auch die höchste Erhebung über dem Meeresspiegel außerhalb des Himalaya Gebirges.
  • Selbstredend hüllt er sich heute in die vermutlich dickste Wolkendecke, die es jemals gab und entzieht sich somit unseren staunenden Blicken….
Wo isser denn, der Aconcagua??? Zum Paso Cristo Redentor, Argentinien 2019

Was solls. Auf besseres Wetter warten macht derzeit wenig Sinn, also ziehen wir weiter. Natürlich entscheiden wir uns für die alte Passstraße und nicht für den neumodischen Tunnel. Auf der argentinischen Seite führt eine gut in Schuss gehaltene Schotterpiste den Berg hinauf bis auf über 3.800 Meter ü. NN. Hier oben thront eine große Bronzestatue des Namensgebers (Christus der Erlöser). Wie nicht anders zu erwarten, ist es auf dieser Höhe fies kalt und es weht ein schneidender Wind. Kaum sind wir aus dem Auto ausgestiegen geht ein Schnee-Graupel-Regenschauer auf uns hernieder und Cristo hat binnen kürzester Zeit einen weißen Bart. Auf der chilenischen Seite ist der Pass schon etwas rumpeliger und die Kehren sind wesentlich enger. Unten angekommen wartet unsere bis dato längste Grenzabfertigung. Das liegt nicht etwa daran, dass sie auch die gründlichste wäre, sondern dass im Moment eben viel los ist. Chile und Argentinien haben Ferien. Es stehen zwar insgesamt 12 Passabfertigungshäuschen in Form von drive-in Schaltern zur Verfügung, aber für die anschließende Fahrzeugdurchsuchung gibt es nur 6 Plätze. Und die dauert schließlich wesentlich länger als das Passstempeln. Nach etwa 1,5 Stunden ist alles geschafft und auch nach der Abfertigung geht es über viele, viele Kehren hinunter bis nach Los Andes, das schon wieder unter 1.000 Meter liegt.

Cristo in Bronze, Paso Cristo Redentor, Argentinien 2019
Auf der chilenischen Seite des Passes, Paso Cristo Redentor, Chile 2019
Grenzabfertigung nach dem Paso Cristo Redentor, Chile 2019

Wir machen einen Schlenker über Viña del Mar, von wo aus wir quasi den Startpunkt unserer Reise betrachten können. Am gegenüberliegenden Ufer der Bucht liegt nämlich Valparaiso.  Wir steuern in die entgegensetzte Richtung an der Küste entlang. Hier kommt tatsächlich ein wenig Côte d’Azurfeeling  auf. Denn auf der einen Seite sind unzählige Hotels in den Hang gebaut und auf der anderen Seite brandet das Meer an. Zusammen mit angenehmen Temperaturen von etwa 20 Grad und strahlendem Sonnenschein kann man es hier tatsächlich aushalten (und schon wackelt Mendoza als Favorit).

Vina del Mar, Da hinten liegt Valparaiso, da haben wir mal angefangen…., Chile 2019
Küste bei Vina del Mar, Chile 2019

Wir schauen eine Zeit lang den Pelikanen, Kormoranen, Möwen und Seelöwen zu und starten wieder durch. Aufgrund der Hauptsaison ist hier einfach zu viel los und ein Camp werden hier und auch auf den nächsten Kilometern nicht finden, dazu ist die Gegend zu dicht bebaut. Über kleine gewundene Straßen führt die Strecke entlang der ausgedehnten Villenviertel der Bessergestellten, von denen es hier scheinbar ein ganze Menge gibt. Um einen Stellplatz für die Nacht zu finden, müssen wir entweder wieder ein Stück landeinwärts, oder uns einen verlassenen Strandabschnitt suchen. Wir entscheiden uns für Letzteres. Nahe des kleinen Örtchens mit dem eingängigen Namen Pichidangui werden wir fündig. Der tote Esel und der gebrauchte Infusionsbeutel auf der Zufahrt zum Strand sollen wohl zart besaitete Camper abschrecken. Wir bahnen uns unseren Weg jedoch weiter vor bis in die Dünen und werden mit einem idyllischen Strandplatz belohnt.

Strandcamp an der Ruta del Mar, Chile 2019

Bei der Planung der weiteren Strecke ist uns ein klitzekleiner Park ins Auge gefallen. Das Reserva Nacional Las Chinchillas. Hört sich unspektakulär an und ist es auch. Aber die kleinen Pelzträger sind zu drollig. Es gibt hier ein kleines Noctarium, in dem man die nachtaktiven Tierchen auch am Tage bewundern kann. Am drolligsten sind aber die Degus, die draußen im Vorgarten der Wildhüter wohnen und mehr oder weniger zahm sind. Die fahren total auf die grünen Schoten der umstehenden Bäume ab, die sie sich sogar aus unseren Händen mopsen. Das könnt ich den ganzen Tag machen….

Kein Scherz, Chile 2019
Vorsichtig rauslinsen, Chile 2019
Kurz mal abchecken, Chile 2019
Nehm ich, Chile 2019
Es gibt Leute, die verdienen mit sowas Geld….,Chile 2019

Die Berge hier sind geprägt von den vielen kleinen Mienenstädtchen, in denen die Einheimischen der Erde ihre Mineralien abtrotzen. Die Orte sind verbunden durch etliche schmale Pisten, die sich teilweise abenteuerlich durch die kargen Hügel schlängeln und irre Spaß machen. Der Toyota muss ganz schön ackern.

Minenstädtchen, Chile 2019
Der gemütliche Stuhl, Chile 2019

Da die Gegend hier weltbekannt ist für ihre sternenklaren Nächte findet sich beinahe auf jedem Hügel ein Observatorium. Sogar private Unterkünfte haben teilweise diese kleinen Kuppeln auf ihrem Haushügel stehen und bieten dort ihre Teleskope zur Beobachtung des Sternenhimmels an.

Auf jedem Hügel ein Observatorium. Irgendwo an der Ruta de Estrellas, Chile 2019
Irgendwo an der Ruta de Estrellas, Chile 2019

Wir befinden uns bereits in Schlagdistanz zur Atacama, der wohl trockensten Wüste dieses Planeten, und das kann man der Landschaft auch bereits deutlich ansehen. Auf den ausgedörrten Hängen wachsen überwiegend Kakteen. Um so verwunderter blicken wir drein, als wir über den nächsten Bergkamm hinunter ins Tal des Elqui blicken. Wie eine saftig-grüne Lebensader zieht sich der Fluß durch das ansonsten trockene Tal. Hier befindet sich das Pisco Anbaugebiet Chile’s. Pisco ist eine Art „Traubenschnaps“, den man wohl am ehesten vom Pisco Sour kennt, mich erinnert der durchaus an Grappa. Dabei ist es schon verblüffend, was mit der richtigen Bewässerungstechnik zu erreichen ist. Wie mit dem Lineal gezogen wachsen auf der einen Seite des Anbaugebiets saftige rote Trauben an dichten grünen Reben, während direkt daneben der Boden so trocken ist, dass selbst Kakteen um ihr Überleben kämpfen müssen. Dieser Homosapiens, nicht zu unterschätzen….

Blühender Kaktus, Chile 2019
Das Elqui Tal, Chile 2019
Wo es Wasser gibt, kann sowas wachsen, Piscotrauben, Chile 2019

Wir folgen dem Tal bergauf und machen uns auf den Weg zum höchsten Pass zwischen Chile und Argentinien. Dabei wollen wir eigentlich gar nicht die Grenze an sich überqueren, wir wollen nur den Pass, bzw. die berühmten Büßerschneefelder am Agua Negra (oder auch Aguas Negras) sehen. Dazu kann man an der Zollstation seine Reisepässe bei der Polizei hinterlegen und so dem ganzen Papierkrieg entgehen. Dieser Andenpass unterscheidet sich deutlich vom Charakter des Cristo Redentor, denn hier gibt es kaum Spitzkehren. Vielmehr steigt die Straße stetig an und endet bei etwa 4.800 Meter ü. NN. Dabei fahren wir durch eine wundervolle Berglandschaft, die in allen Braun- und Ockertönen erstrahlt, die die Natur zu bieten hat. Es geht vorbei an Flussläufen und Lagunen. Das Highlight sind aber tatsächlich diese bizarr aussehenden Schneesäulen, die als Büßerschnee bezeichnet werden. Keine Ahnung welchen Kniff die Natur anwendet, um die entstehen zu lassen, manchmal muss man einfach nur staunen (Wikipedia kann das natürlich erklären, aber irgendwie schlafen einem dabei die Füße ein und es nimmt dem Ganzen den Charme). Das obligatorische Foto unter dem Schild am höchsten Punkt des Passes ist hart erkämpft, denn auch wenn hier oben erstaunlicherweise noch T-Shirt Temperatur herrscht, die Luft ist dünn. Sehr dünn. Und jeder Schritt strengt an. Übermütig ein paar Schritte gelaufen und sofort setzt Schnappatmung ein, der Puls schnellt hoch und der Schädel drückt. Wir haben heute bis hier her etwa 3.000 Höhenmeter gemacht und das merkt man deutlich.

Lagune (Stausee) in blau, grün und rot am Paso Agua Negra, Chile 2019
Büßerschnee, am Paso Agua Negra, Chile 2019
Büßerschnee am Paso Agua Negra, Chile 2019
Ca. 4.800 Meter, oben auf dem Paso Agua Negra, Chile 2019
Diese Farben, Paso Agua Negra, Chile 2019
Diese Farben, Paso Agua Negra, Chile 2019

Nachdem wir die Landschaft ausgiebig genossen haben, machen wir uns auf den Rückweg. Wir sammeln unsere Pässe wieder ein und spulen heute noch ein paar Kilometer ab und schaffen es bis nach La Serena zurück an den Pazifik. Fast 5.000 Meter Höhenunterschied wieder hinunter bis auf Meereshöhe.

Vor den Wundern dieses Planeten, kann man manchmal schon in Ehrfurcht erstarren. Und die Bergwelt der Anden rund um den Paso Agua Negra zählen wir defintiv dazu. Eine Lehrstunde hält die Erde heute Abend noch für uns bereit. Die hätten wir uns allerdings gerne erspart….

Schon fast Vollmond am Paso Agua Negra, Chile 2019

P.S.

Pisco Sour:

  • Pisco (wenn nicht zur Hand, Grappa nehmen. Wenn nicht zur Hand, einkaufen gehen)
  • Eiweiß/Eiklar
  • Limettensaft
  • Angostura

Mischungsverhältnis müsst ihr selber erschmecken, oder googlen.

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