Südamerika Argentinien

Auf und neben der Ruta 40

02.01.2019 – 12.01.2019

Auf und neben der Ruta 40

Irgendwann mal musste sie ja kommen, die Hauptsaison. Und mit unserem glücklichen Timing treffen wir sie in einem der Epizentren der argentinischen Touristenhochburgen, Bariloche. Von El Bolson kommend, biegen wir kurz vorher zur Colonia Suiza ab. Einem kleinen Örtchen, in dem mittwochs und am Wochenende ein Markt stattfindet. Da heute Mittwoch ist, ist das Dorf gerammelt voll und man bekommt kaum einen Fuß an die Erde. Wir schauen uns ein wenig um und durchstreifen anschließend noch das Umland. In Llao Llao hat jemand mitten in die schönste Andenlandschaft ein riesiges Luxushotel gesetzt, von dem aus man wohl einen ziemlich „exklusiven“ Ausblick genießt.

Colonia Suiza, Argentinien 2019
Hier wird im Boden auf heißen Steinen gekocht, Colonia Suiza, Argentinien 2019
Llao Llao, Argentinien 2019

Definitiv außerhalb unseres Reisebudgets, also geht es für uns weiter entlang der „Ruta Siete Lagos“, die sich malerisch durch die Anden zieht. Wildcampen ist in dieser Region derzeit fast eine Herausforderung, weil einfach im Moment enorm viel los ist. Nach einigen Monaten im einsamen Patagonien ist das für uns fast ein Kulturschock. Dafür klettern aber die Temperaturen auf wesentlich angenehmere Werte als bisher. Wir sind beinahe konstant über 20°C.

Irgendwo im 7 Seen Gebiet, Argentinien 2019

Bis San Martin de los Andes sind es deutlich mehr als die angekündigten 7 Seen, aber schön gelegen waren sie alle. Wir verlassen zunächst die Hauptstrecke entlang der Ruta 40 und biegen ab in Richtung Lanin. Ein weiterer schneebedeckter Vulkan, der im gleichnamigen Nationalpark steht und von Araukarien umgeben ist. Eine Araukarie ist einer dieser urigen Bäume, die eine Kreuzung aus Nadel- und Laubbaum mit ein bisschen Kaktus und Gürteltier zu sein scheint. Bei uns zu Hause stehen sie manchmal spindeldürr und etwas verloren in teuren Vorgärten herum. Hier, wo sie nach Herzenslust wachsen und mit ihresgleichen ansehnliche Wälder bilden können, machen sie eine wesentlich stattlichere Figur. Bei unserem Besuch damals im Dinosaurier Museum in Trelew haben wir gelernt, dass es sich bei Araukarien um eine sehr alte Baumart handelt, von der sich schon die Dinos ernährt haben. Die werden sich wohl mit den harten und holzigen Blättern, bzw. Nadeln, oder was auch immer das sein soll, sehr schwer getan haben…

Sind das Blätter oder Nadeln? Am Vulkan Lanin, Argentinien 2019
Am Vulkan Lanin, Argentinien 2019

Über kleine Schottersträßchen gondeln hinauf ins Mapuche (indigene Volksgruppe) Gebiet an den Lago Alumine, der traumhaft schön mit seinen zerklüfteten Ufern in der Berglandschaft liegt. Die Schönheit der Natur haben offensichtlich auch irgendwelche Investoren entdeckt. Denn in den umliegenden kleinen Ortschaften stehen überall nagelneue Häuschen und es ist auch einiges an Tourismus vorhanden. Hier flitzen sogar Jetskis über die blaue Seeoberfläche. Wir nehmen da lieber den Vulkan Batea Mahuida in Angriff. Um mit dem Auto ganz auf den Gipfel zu kommen, benötigt man in der Tat Allradantrieb nebst Untersetzung. Für unser Buschtaxi ist das allerdings kein Problem, das tuckert die recht beachtliche Steigung relativ gelassen hoch. Fahrer und Beifahrerin zeigen sich da schon deutlich nervöser, aber der Ausblick von fast 2000 Meter Höhe über die Seenlandschaft ist einmalig. Der Vulkan liegt direkt auf der Grenze zwischen Argentinien und Chile und von hier oben kann man einige der umliegenden Vulkane beider Länder sehen, sehr eindrücklich. Und wer will, kann oben auf dem Plateau illegal nach Chile und zurück fahren. Der steile Weg nach unten hat dann noch einmal ein wenig Adrenalin parat und heile unten angekommen setzten wir die Reise in Richtung Norden fort.

Vulkan Batea Mahuida und Lago Aluminé, Argentinien 2019
Auf dem Vulkan Batea Mahuida, Argentinien 2019
Ausblick von Vulkan Batea Mahuida auf den Lago Aluminé, Argentinien 2019

Wir steuern weiter ins Mapuche Gebiet hinein, zu einem Wasserfall, der über rote Felsen stürzen soll. Das Ganze ist am Rio Agrio zu finden, soviel haben wir herausbekommen. Es gibt allerdings dabei zu beachten, dass es einmal die Cascadas del Agrio gibt und auch den Salto del Agrio. Unsere Recherche hat wohl ein paar Lücken, denn wir landen zunächst an den Cascadas. Die sind zwar auch schön, aber eben nicht rot. Dafür liegt direkt dahinter der Vulkan Copahue, der unablässig vor sich hin dampft und die Luft wie frisch angezündetes Streichholz riechen lässt. Bei der Suche nach dem richtigen Weg zu unserem Stellplatz unterhalb des Vulkans in einem Araukarienwald, fangen wir uns dann unseren zweiten Plattfuß der Reise ein. Wie das halt so ist. Wir wollten lediglich ein paar hundert Meter über grob felsige Wege fahren, da lohnt sich doch das Ablassen des Reifendrucks fast gar nicht. Und da Faulheit bestraft gehört, kassieren wir die Quittung in Form eines Lochs im Reifen…

Ist das Kunst, oder kann das weg? Irgendwo unterwegs, Argentinien 2019
Cascadas del Agrio, Argentinien 2019
Araukarie aus der Nähe, Argentinien 2019

Am nächsten Morgen statten wir dann noch dem richtigen Wasserfall einen Besuch ab. Die vulkanischen Aktivitäten bringen hier säurehaltiges Wasser hervor, das wiederum seinerseits Eisenoxid im erzhaltigen Gestein erzeugt. Man könnte also sagen, der Wasserfall rostet, bzw. die Felsen über die er hinab stürzt. Sieht wirklich sehr interessant aus.

Sieht schon besser aus, Rio del Agrio, Argentinien 2019

 

Der richtige Salto del Agrio, Argentinien 2019
Papageien unterwegs, Argentinien 2019

Den Plattfuß lassen wir in Chos Malal in einer kleinen „Gomeria“ für sage und schreibe 100 Pesos flicken. Das entspricht derzeit etwa €2,50. Da lohnt es fast nicht selbst tätig zu werden.

Reifenreparatur in Chos Malal, Argentinien 2019
Dienstwagen des Reifenmonteurs, Argentinien 2019

Von Chos Malal folgen wir dann wieder weiter der Ruta 40, die von feinstem Asphalt bis knüppelharter Wellblech-Schotterpiste alles bereit hält. Aber immer entlang sehr schöner Andenlandschaft. Zumindest glauben wir das, denn heute ist die Luft dermaßen voll von Staub, dass der Himmel trüb grau und die Sonne kaum zu sehen ist. Dazu bläst mal wieder ein amtlicher Seitenwind. Nahezu beiläufig überqueren wir heute eine beinahe (für uns) historische Wegmarke. Über den Rio Barancas hinweg verlassen wir nach gut drei Monaten tatsächlich Patagonien. Zumindest steht auf einem der typischen, riesigen Wegweiser, die hier überall entlang der Hauptstraßen stehen, das erste Mal nicht mehr „Region Patagonia“ drauf. Fast wehmütig machen wir ein Beweisfoto und ziehen melancholisch weiter.

Nach drei Monaten raus aus Patagonien, Argentinien 2019
Staubige Ruta 40, Argentinien 2019
Der könnte durchaus im Horrorstreifen auftreten, Argentinien 2019

Hinter Malargüe (kein Schreibfehler) biegen wir auf eine knüppelharte und holprige Piste ab, hinauf zu den Termas del Sosneado. Die über zwei Stunden dauernde Schinderei für Mensch und Maschine wird mit einem Gestank von faulen Eiern belohnt, denn die Quellen sind vulkanischen Ursprungs und leicht schwefelhaltig. 1938 kam jemand auf die brillante Idee, hier oben am Ar… der Heide ein Luxushotel zu bauen. Nach nur 15 Jahren wurde es auch schon wieder geschlossen, so dass man heute in dessen Ruinen herum stöbern kann. Leider gibt es einige Zeitgenossen, die vor allem ihren Unrat hier lassen und damit meine ich nicht nur den üblichen Plastikmüll. Aber ansonsten ist die Mischung aus Ruine und umstehenden Andengipfel sehr sehenswert. Wir verbringen die Nacht auf über 2.000 Meter Höhe und werden dabei vom Wind ordentlich durchgerüttelt. Um das Hotel ranken sich fast konspirative Gerüchte. Es gibt Quellen, die auf den alten Präsidenten Peron und auf ein Versteck für die Nazis hindeuten. Ob das was dran ist???

Hotel an den Termas del Sosneado, Argentinien 2019
Sonnenuntergang am Hotel an den Termas del Sosneado, Argentinien 2019
Landcruiser an den Termas del Sosneado, Argentinien 2019

Am nächsten Morgen hoppeln wir dieselbe Rüttelpiste wieder zu Tale. Zwischen El Sosneado und San Rafael nehmen wir ein Abkürzung durch die trockene Pampa und erspähen in der Nähe eines alten Staudammes unsere ersten Kakteen. Die Landschaft hat sich in den letzten Tagen doch sehr gewandelt. Besonders viele Kilometer bekommen wir heute nicht zusammen, denn auf der Piste zur Laguna Diamante schlagen wir schon wieder unser Lager an einem netten Plätzchen mit traumhaftem Blick in eine Schlucht auf. Unten im Tal plätschert ein wilder Bach und über unseren Köpfen (manchmal gar nicht so hoch) ziehen neugierige Kondore ihre Kreise, die immer mal wieder in der Nähe vorbei fliegen, um zu sehen was wir so treiben. Der Platz gefällt uns dermaßen gut, dass wir gleich für 2 Nächte bleiben und mal wieder etwas ausspannen. Dabei werden die Nächte auf ca. 2000 Meter Höhe doch recht kühl. Die Temperaturen reichen bis an den Gefrierpunkt. Die gute Nachricht: Auch auf 2000 Meter Höhe funktioniert unsere Standheizung tadellos.

Übernachtungsplatz auf dem Weg zur Laguna del Diamante, Argentinien 2019
Wer gut schmiert, der gut fährt, Argentinien 2019
Geländelauf, Argentinien 2019

Schließlich laufen wir in Mendoza ein. Das Klima hier ist deutlich anders. Über 1000 Meter tiefer gelegen, als das Camp der letzten Nächte, herrscht hier ein feucht-schwüles Klima und uns läuft direkt der Schweiß. Das könnte aber auch daran liegen, dass sich die nahende Regenzeit ankündigt.

Beim Klang des Namens dieser Stadt macht der ein oder andere Weinliebhaber wohl einen Purzelbaum rückwärts, denn Mendoza ist die unumstrittene Weinhauptstadt des ganzen Sub-Kontinents. Unzählige Weinkellereien haben hier ihre Weinberge und produzieren Spitzensäfte. Wir als bekennende Festival-Tetrapack-Weintrinker sehen das Ganze etwas „nüchterner“. Die Stadt ist aber wirklich nett. In Ballungsgebieten ziehen wir es vor, uns auf Campingplätzen nieder zu lassen. Hier in Mendoza wählen dafür den Parque Suizo am Rande einer „Feine-Leute-Gegend“. Prächtige Villen liegen an einer Straße namens Avenida Champagnat und blicken hoch vom Hügel auf den Pöbel unten in der Stadt herunter. Nobel, nobel. Da das Camp etwas außerhalb liegt, fahren wir abends mit dem Bus ins Zentrum, was sich als gar nicht so einfach herausstellt. Busfahrpläne haben wir bislang noch in keiner Stadt gesehen, das ändert sich auch hier nicht. Man stellt sich einfach an die Bushaltestelle und entweder kommt ein Bus, oder eben nicht. Das eigentliche Problem ist aber für den Bus zu zahlen. Ähnlich wie schon die U-Bahn in Santiago de Chile, braucht man auch für die Busse in Mendoza eine aufladbare Karte, die tarjeta redbus. Die haben wir natürlich nicht. Bar zahlen im Bus ist nicht möglich. Und obwohl der Busfahrer recht grimmig aus der Wäsche schaut, winkt er uns gelassen durch und lässt uns für lau mitfahren. Vielleicht auch, weil eine Fahrt gerade mal 18 Pesos kostet, also so ungefähr 40 Cent.

Im Stadtzentrum angekommen schlendern wir über den kleinen Markt im Stadtpark, voll mit Künstlern und Handwerkern und machen uns dann auf zur lebendigen Flaniermeile „Aristides Villanueva“ im gleichnamigen Stadtteil Aristides. Hier reiht sich Bar an Bar und Restaurant an Restaurant und viele der Kneipen bieten Cervesas Artesenales („kunsthandwerklich gebrautes Bier“) an, womit sich der Abend zügig verbringen lässt. Übrigens haben wir es den ganzen Abend nicht geschafft, eine Karte für den Bus zu kaufen. Angeblich soll es die in einigen der Kioscos geben. Derzeit scheinen die Karten aber ausverkauft zu sein. Wir haben aber wieder mal Glück und werden auf der Rückfahrt mit dem Bus zum Camp von einem netten Argentinier eingeladen, der nicht lange fackelt und den Wegezoll für uns wie selbstverständlich von seiner Karte abbucht. Muchas Gracias Señor.

Höhö, Busfahrt geschnorrt, Argentinien 2019
Mendoza, Argentinien 2019
Mendoza, Argentinien 2019

Man muss schon sagen, Mendoza hätte durchaus Potenzial. Wir werden wohl mal recherchieren müssen, ob unser Arbeitgeber hier nicht zufällig eine Niederlassung betreibt (oder eventuell betreiben möchte)…..

El Mariachi an der Ruta 40, Argentinien 2019

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